Montag, 11. Januar 2010

"Aree Wilderness" in Italien

Das ist eine unglaublich spannende Entwicklung, gleich in mehrfacher Hinsicht. Was bedeutet "Aree Wilderness"? Aree heißt Gebiete (Mehrzahl). Aber Wilderness? Das ist doch englisch! Tatsächlich haben die Italiener das englische Wort wilderness (Wildnis) als Fremdwort importiert. Wilderness steht im englischen Sprachraum (Vorreiter USA) für Gebiete, die ohne direkten Einfluss des Menschen sind, die also Wildnis sind.

In den USA nennt man diese Gebiete "wilderness areas". Und ein Beweis dafür, wie wichtig der Wildnisgedanke und die Wildnisgebiete für die USA sind, ist, dass der große und wichtige US-Kongress höchstselbst über jedes neu auszuweisende Wildnisgebiet beschließt und der amerikanische Präsident die entsprechenden Gesetze unterzeichnen muss. Und es werden ständig neue Wildnisgebiete ausgewiesen. Erst vor wenigen Monaten wurden im Rahmen des "Omnibus land management act" Dutzende neue Wildnisgebiete in den USA ausgewiesen. Wenn man der englischen Sprache einigermaßen mächtig ist, könnte man zum Beispiel auf youtube die Unterzeichnungszeremonie dieses Gesetzes verfolgen. Man geht auf www.youtube.com und gibt in das Suchfeld "omnibus land management act" ein. Das an oberster Stelle stehende Video zeigt in etwas über 15 Minuten Dauer die Unterzeichnungszeremonie. Zunächst spricht der US-Umweltminister einige einleitende Worte. Dann erscheint Präsident Obama und unterzeichnet nach einer kurzen Rede das Gesetz.

Aber eigentlich waren wir ja bei Italien. Das große Vorbild USA hat in Italien Nachahmer gefunden. Im Jahr 1985 wurde die "Associazione Italiana per la Wilderness" gegründet. Das Ziel dieser Vereinigung ist, den Wildnisgedanken in Italien populär zu machen und vor allem auch, konkrete möglichst große Wildnisgebiete auszuweisen. Und das wurde in den vergangenen Jahren mit Erfolg praktiziert. Bis heute hat man bereits 58 aree Wilderness ausgewiesen, verteilt auf 19 Provinzen und mit einer Gesamtfläche von 35.000 Hektar.

Die Ausweisung der Wildnisgebiete erfolgt hierbei mit einem basisdemokratischen Ansatz. Nicht der Bund oder die Regionen in Italien sind hierbei federführend, sondern die einzelnen Gemeinden oder Forstbehörden. Somit ist zu hoffen, dass die Wildnisgebiete bei der Bevölkerung verwurzelt sind und nicht - wie sonst in Italien teilweise der Fall - als von der staatlichen Obrigkeit aufgezwungene Einschränkung empfunden werden.

Es gibt eine gute Internetseite zu den aree Wilderness in Italien: www.wilderness.it
Auf dieser Seite wird nicht nur der Wildnisgedanke näher erläutert. Es gibt auch Informationen zu jedem einzelnen Schutzgebiet mit Daten, Bildern und sogar Karten. Da tut sich wirklich eine ganz neue Welt auf und vielleicht führt das dazu, dass der oder die eine oder andere von uns seine Reisepläne für Italien überarbeitet, um einmal eine area Wilderness zu besuchen.

Und auf europäischer Ebene ist diese Vorreiterrolle Italiens in Bezug auf Wildnis von großem Wert. Denn es wird nicht mehr lange dauern, bis in ganz Europa die neue Schutzgebietskategorie des Wildnisgebiets eingeführt werden muss. Nur so erhält die Bevölkerung Klarheit über den Inhalt eines Schutzgebiets. Wie ist das denn heute zum Beispiel mit den Naturschutzgebieten in Deutschland? Da weiß man nicht so recht, was eigentlich dahintersteckt. Greift der Mensch in einem solchen Gebiet in die natürlichen Abläufe ein oder nicht? Nur in wenigen Naturschutzgebieten in Deutschland darf die Natur machen, was sie will, ohne Einfluss des Menschen. In der Mehrzahl der Naturschutzgebiete greift der Mensch nach wie vor ein. Vielfach wird weiterhin Forstwirtschaft betreiben. Oder es werden regelmäßige Pflegemaßnahmen durchgeführt mit dem Ziel, das Gebiet in einem Zustand der Kulturlandschaft zu erhalten, wie er vor Jahrzehnten bestanden hat.

Das kann auf Dauer nicht so weitergehen. Die Problematik ist so ähnlich wie etwa bei der Verpackung von Lebensmitteln (Verpackungsverordnung). Die Bürger Europas haben einen Anspruch darauf, dass schon bei der Schutzgebietsbezeichnung klar wird, ob in einem Gebiet die "Natur Natur sein darf" oder ob der Mensch weiterhin eingreift. Und die Bürger Europas haben einen Anspruch darauf, dass zukünftig mehr Wildnisgebiete als heute vorhanden ausgewiesen werden.

An diesem Thema bleiben wir dran.

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